Die Angst vor der Zweitmeinung

In meinem Umfeld hat jemand einen kleinen, aber recht schmerzhaften Unfall erlitten. Nach einigen Arztbesuchen, Warten auf Heilung und MRT sollte nun eine minimalivasive Operation durchgeführt werden.

Da einerseits die Lebensqualität sehr stark vom Erfolg dieses Eingriffs abhing, anderseits es für die Durchführung der Operation auf ein paar Tage nicht ankam (der avisierte Termin lag sowieso über eine Woche nach dem Unfall), riet ich, eine Zweitmeinung einzuholen. Finanziell wäre das für den privat versicherten Patienten kein Problem gewesen, die OP hätte mit ein wenig Glück trotzdem am geplanten Termin oder schlimmstenfalls einige Tage später stattfinden können.

Überrascht haben mich aber die Widerstände: Offenbar tritt bei der Einholung von Zweitmeinungen ein ganzes Bündel von Ängsten hervor:

Zunächst möchte man gar nicht so genau wissen, ob der Operateur vielleicht doch keine Ahnung hat, mit einem gestörten Vertrauen in Ärzte lebt es sich offenbar nicht gut.

Dann möchte man den Operateur auch nicht verärgern. So sehr ich dieses Argument ja verstehen kann, denke ich, dass man den Wunsch, eine Zweitmeinung einzuholen, so artikulieren kann, dass der Operateur sich nicht persönlich angegriffen fühlt. Schafft man dies, und zeigt sich der Arzt gleichwohl ablehnend, ist es sowieso besser, zu einem anderen zu gehen. Denn dann hat der Arzt, bei dem an ja sich bei positiver Zweitmeinung trotzdem für viel Geld operieren lassen will, entweder doch nicht so viel Ahnung, wie man ihm zugeschrieben hat. Oder ein Problem mit seinem Ego. Beides keine guten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Behandlung. Aber auch in diesem Fall würde der Patient verunsichert werden.

Schließlich legen selbst eigentlich selbstbewusste Menschen gegenüber Ärzten eine erstaunliche Devotheit an den Tag. Man versucht gar nicht erst, – soweit dies möglich ist –  ihnen auf Augenhöhe zu begegnen, eigene Wünsche zu äußern oder sich geplante Behandlungsschritte ausführlich erklären zu lassen.

Offenbar weiß man lieber gar nicht erst, was alles schief gehen könnte, als im Rahmen des Möglichen genau dies zu verhindern.

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